die unfahrbaren eisenhaufen werden zur legende

Die unfahrbaren Eisenhaufen werden zur Legende

Mir kam kürzlich ein Gedanke. Er drehte sich um die Frage, warum bestimmte Motorräder zum Kultobjekt werden und andere nicht. Ich meine so eine GS 550 E ist ja nicht schlecht, aber sicherlich kein Kultmopped. Vielleicht wird der gemeine Motorradfahrer nicht einmal wissen, was eine GS 550 E ist, weil er sich nicht so intensiv mit Motorrädern beschäftigt, aber eine Moto Guzzi Le Mans, oder eine Ural, davon hat er sicher schonmal etwas gehört. Mein Gedanke endete dann in einem Satz: Perfekte Motorräder werden bewundert, die unfahrbaren Eisenhaufen werden zur Legende.

Die schwedische Dieselratte - eine Legende.

Die schwedische Dieselratte – eine Legende.

Und so ist es. Niemand sitzt beim Treffen am Lagerfeuer und erzählt, wie problemlos seine GS 550 E läuft, nö, macht keiner. Aber der russische Scheißhaufen mit Beiwagen, der neu als defekt geliefert wird, der bietet Erzählstoff bis zum ersten Morgengrauen im nächsten Jahrhundert. Aber nicht nur russicher Kernschrott, auch neuere Motorräder haben dieses Potential. Die Suzuki B-King zum Beispiel. Die einen finden’s stark, die anderen finden’s scheiße – hat aber Diskussionspotential. Oder die Busa mit ihren weiblichen Formen, wie auch die rollende Einbauküche, vielen möglicherweise bekannt unter dem Namen „Honda Goldwing“. Das sind Motorräder, über die sich trefflich gestritten werden kann und darf – Moppeds mit Charakter. Die GS 550 E interessiert da nicht, ihr wird nur nachgesagt ein Frauenmotorrad zu sein, da hört es dann aber auch schon auf.

Ein Kultmotorrad hat wenigstens ein paar der folgenden Eigenschaften:

  • Es sieht scheiße aus
  • Es ist ständig kaputt
  • Es ist unfahrbar
  • Es ist mieserabel verarbeitet
  • Es dauert einen ganzen Tag die Ventile einzustellen
  • Es macht komische Geräusche
  • Es stinkt
  • Es verkauft sich nicht
  • Es wird sich darüber lustig gemacht
  • Es war im Rennsport erfolgreich
  • Es hat einen Spitznamen
  • Es ist schwierig zu starten
  • Es gehörte mal Steve McQueen

Ich will den Brot- und Buttermopeten damit gewiss nicht die Existenzberechtigung absprechen. Meine 650er XJ ist ein klasse Motorrad – Öl, Reifen, fahren. Aber es ist eben eine XJ, ein tolles Vernunftmopped ohne Rumzickereien, mit überschaubarer Leistung, guter Verarbeitung, Kardanwelle, netter Optik, aber eben nicht zum Herbrennen gemacht. Eben fast perfekt, aber keine Legende. Es sind die Makel, die uns ausmachen und so ist das auch mit Motorrädern. Manchmal ist Perfektion ja ganz nett, aber auf Dauer auch langweilig.

Ich will mir ja noch ein weiteres Mopped zulegen. Sowas vernünftiges, womit ich auch mal über die Autobahn blasen kann, ohne am Ziel schmerzverzerrt und mit wundem Hintern abzusteigen. Ich habe da eine GPZ 900 R ab Baujahr 90 im Auge. Eins von diesen Vernunftmoppeds.  Aber ich kenne mich ja. Vermutlich kommt es doch wieder ganz anders und stelle mir eins dieser unfahrbaren Eisenhaufen in die Garage. Wer will schon Perfektion, wenn er eine Legende fahren kann? Ich glaube ich schau mal bei eBay vorbei und suche nach „Kawasaki 500 Mach III“ oder gleich nach „750 H2“. Laut, stinkt, säuft will ein Loch, das Fahrwerk ist scheiße und sie hat einen Spitznamen: Witwenmacher. Fuck yeah!

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16 Leute haben was dazu gesagt und 1819 haben das bereits gelesen.

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16 Antworten

  1. Liegt doch in der Natur der Menschen überwiegend über ’schlechte‘ Dinge zu lamentieren, das brennt sich einfach schneller ein, als die guten und problemlosen Sachen.

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  2. Als Mitglied der GS IG Rhein Ruhr muss ich fragen ob du nicht vielleicht die GS500E meinst 😉 Die GS 550E ist ein 4-Zylinder von `79 😉

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  3. Siehste… mit so langweiligen Moppeds kenne ich mich halt nicht aus und diene nun als lebender Beweis meiner These. 😉

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  4. So ist das in der Tat: Der Mensch neigt dazu, schlimme Erlebnisse dann doch zu idealisieren. So kommt es dann, das freundliche Senioren mit Rührung von den gemeinsamen Erlebnissen und der Kameradschaft im Krieg erzählen 😉

    Ganz so schlimm ist es bei mir nicht – aber meinem ersten Motorrad (Honda CB 900 F aka. „Bol d’Or“) trauere ich schon nach.

    Und irgendwann steht so ein Gerät mal wieder in meiner Garage, ganz sicher.

    Dann ist es mir völlig egal, ob es eigentlich ein „unfahrbarer Eisenhaufen“ ist, dessen Fahrwerk und Bremsen im Vergleich zu aktuellen Bikes nur Selbstmörder glücklich machen können…

    …aber wie erklärt bzw. begründet man nostalgische Verklärung, und was kann man schon dagegen tun? 🙂

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  5. Reen

    schrob am 10 Jun 2011 um 15:24

    So geht es mir auch mit der CB1! Tolles Motorrad mit tollen Fahreigenschaften… aber halt ziemlich Charakterlos. Nicht schön und nicht hässlich!

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  6. @Micha: Er meinte die GS500E. 😉

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  7. Stimmt genau die meinte ich: http://www.fahrschule-herberg.de/Unsere_Fahrzeuge/Klasse_A_18/gSuzuki_GS500E.jpg

    Erfüllt sogar gleich zwei Klisches: Frauenmotorrad UND Fahrschulmopped.

    😉

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  8. JRMaier

    schrob am 11 Jun 2011 um 21:55

    Gut beobachtet und treffend beschrieben. Klasse! Vor allem die Checkliste bringt es auf den Punkt – Jawohl! 😀

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  9. Legenden bzw. zukünftige Klassiker sind durchaus planbar. BMWs HP2 Sport war von Anfang an als Prestigeboxer gedacht, der die Marke pusht: Hoher Preis, hoher Anspruch, edel gemacht, limitierte Stückzahlen. Weiteres prominentes Beispiel: Honda RC30.

    Und was ein Motorrad, ja jedes Erlebnis unvergesslich macht, ist schlicht und ergreifend die Intensität. Der Tod aus dem Maschinenraum einer Kawa Mach III, der wortwahr umwerfende Boxer der HP2 Spocht, der schiere Maschinenbau einer Yamaha MT-01, genauso wie krüppelige Quasimodos aus Irbit, das sind Dinge, die sind so arg, die vergisst man nicht. Es sind aber auch Dinge, die sich langsam herumsprechen, deshalb verkaufen sich Legenden selten gut.

    Und eine XJ oder GS 500 waren eben noch nie arg, nichtmal beim Crashen.

    PS: I resent you calling the Goldwing a legend, boyo.

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  10. Die HP2 Spocht fährt sich doch aber absolut unspektakulär, ja man möchte fast sagen langweilig! 😉

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  11. Wurden in den letzten 10 Jahren überhaupt noch Motorräder mit Kultpotential gebaut? So ziemlich alles, was angeboten wurde, ist doch von (fast) jedem fahr- und beherrschbar. Bahnbrechendes Design habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen und bei einer aktuellen Maschine muss man auch nicht mehr um sein Leben oder Seelenheil fürchten.

    Will man Teil einer Legende werden, muss man sich also bei den Jugendsünden der Motorradhersteller umsehen…

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  12. RalfWausE

    schrob am 19 Jun 2011 um 11:47

    @Dennis:

    Kommt darauf an wo für einen das Motorrad beginnt. Die 125er Aprilias haben schon ein gewissen Kultpotential (mit offener Zulassung immerhin an die 30 zweitaktende PS!)…

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  13. @Ralf: Absolut und die RS125 hat auch schon so einige Jährchen auf dem Buckel. Sie wird ja nun von der RS4 abgelöst – mal sehen, ob diese genauso erfolgreich wird…

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  14. Frank

    schrob am 10 Dez 2011 um 12:19

    Ich konnte nicht widerstehen und habe mir wieder eine RD 250 LC angeschafft.

    Leider noch etwas Arbeit dran.

    Aber auch mein Alltagsmoped hat schon Kultstatus.

    Es ist eine Suzuki TL 1000 R.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Suzuki_TL1000

    Die S war das Motorrad mit den meisten Rückrufaktionen.

    Die R wollte deshalb und wegen des Preises niemand kaufen.

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  15. Pingback: 40 Jahre Kawsaki 900 Z1, Eisenhaufen, unfahrbar, Das Motorrad Blog

  16. A. Ruthmann

    schrob am 28 Jul 2015 um 08:36

    Soosoo,

    dann besitze ich scheinbar ebenfalls 2 Kultmoppeds.

    1. eine Honda CB 550 four K3 von 1978

    2. eine Triumph Bonneville T140 E von 1979

    Ich kann nicht bestätigen, das diese Teile unzuverlässig sind – zumeist ist den meisten Selbstschraubern der Umgang mit solch anachronistischer Technik (z. Bsp. der Triumph) fremd. Die ollen Briten haben damals technische Probleme eben anders gelöst, als heute (funktionieren tut das trotzdem). Da kann man Unwissenheit nicht dem Fahrzeug anlasten, allenfalls der Unfähigkeit des Schraubers bezügl. dieser Technik.

    Als Alltagsfahrzeug fahre ich auch eine etwas modernere Aprilia Pegaso 650. Die hat ein gutes Fahrwerk, gute Bremsen und der Motor ist mit 50 PS für einen Einzylinder auch ausreichend leistungsfähig.

    Hauptsache jedoch: Das Fahrzeug ist leicht (ca. 170 Kg) und sehr handlich (durch den Enduro-typisch steilen Lenkopfwinkel).

    Ob das Ding ebenfalls mal ein Kultmopped wird, wage ich zu bezweifeln (jedoch: selten genug ist sie und wurde ebenfalls von der Fachpresse „zerrissen“).

    MfG

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